Community Mix #004
SPINELLI
Was passiert, wenn ein DJ-Set mehr sein soll als eine Abfolge gut funktionierender Tracks? Spinelli spricht über Groove, Dynamik und Intuition und darüber, wie aus den Geschichten einzelner Tracks im Mix eine eigene Erzählung entsteht.
Mit Spinelli geht die Community-Mix-Reihe von Rambos Magazine weiter und diesmal wird es persönlich.
Denn hinter ihrem Sound steckt eine musikalische Geschichte, die über elektronische Musik hinausreicht. Spinelli kommt ursprünglich aus der „analogen“ Musik, war jahrelang als Vokalistin in verschiedenen Projekten unterwegs und nennt Soul, Blues und Gospel als wichtige musikalische Wurzeln. Vielleicht erklärt das auch, warum sie ihren eigenen Sound weniger über Druck als über Bewegung beschreibt: warme Basslines, Vocals, Piano, Percussions – Hauptsache, Schultern oder Hüften bewegen sich irgendwann mit.
Beim Auflegen geht es für sie aber um mehr als Groove. Tracks können Freude, Sehnsucht, Wut oder Trauer transportieren. Indem sie diese miteinander verbindet, entsteht aus den Geschichten anderer Menschen eine neue, eigene Erzählung.
Für Rambos Magazine hat Spinelli nicht nur einen Mix aufgenommen, sondern auch darüber gesprochen, was ihren Sound prägt, welche Rolle Intuition und Roomreading spielen und warum Auflegen für sie etwas mit Sehen, Gesehenwerden und Gemeinschaft zu tun hat.

Set
Drei Fragen an Spinelli
Was darf in deinem Sound niemals fehlen?
- Groove. Wenn die Schultern und oder Hüften bei mir nicht mitgehen, mache ich was verkehrt. Ich komme auch als Konsumentin aus dem House und da ich meine musikalischen Wurzeln sehr im Soul, Blues und auch Gospel habe und mein werdegang (u.a.) als Vokalistin mich durch verschiedene “große Stimmen” und Äras der Musik führte fühle ich meine “Mitte” mehr in der warmen Bewegung als im Druck. Diese Bewegung finde ich in einem Basslauf aber auch in einem Vocal, einem Piano oder treibenden Percussions.
- Dynamik. Ich lasse Breaks auch gerne mal Breaks sein, lasse die ohne Kick Wechsel oder Percussion Mix stehen und sich erzählen. Ich habe aber auch gerne Tracks, die Energie weiter tragen, auch ohne dass die Kick durchgeht. Ich habe seit ich auflege viel mehr gelernt auf die kleinen Dynamikwechsel zu achten und versuche sie mitzutragen und hoffentlich auch an die Leute zu transportieren.

Was bedeutet Auflegen für dich persönlich?/Wie fühlst du dich beim auflegen?
- Loaded Question… So klischee es klingt, für mich ist Musik wirklich Soundtrack. Er kann den Moment formen oder zu dem Moment addieren, je nach Situation oder Track. Klar gibt es in meinen Sets auch Tracks, die eher funktional (also gut tanzbar) agieren aber alles in allem sammle ich Tracks, die mit mir sprechen, mich fühlen lassen, etwas erzählen, was ich verstehen kann oder in ihrer Erzählung zeigen, dass sie mich verstehen. Es ist eine Form von sehen und gesehen werden – aber nicht aus Prestige Gründen, sondern in einem sich-Verstehen, verbunden sein, Gemeinschaft fühlen.
- Wenn ich auflege, dann nehme ich mit den Tracks Geschichten anderer Menschen und durch das Verknüpfen erzähle ich mit diesen Elementen meine eigene Geschichte. Ich teile was die Tracks mir erzählen, mich sehen und fühlen lassen. Ob das nun Freude oder Sehnsucht oder Wut oder Trauer ist, spielt dabei keine Rolle, es geht um das Fühlen, Verstehen und vielleicht am Ende auch loslassen können.
Wie wichtig ist für dich Klangästhetik im Vergleich zu Rhythmus oder Groove?
- Steht für mich mindestens parallel, wenn nicht höher in der Bewertungsskala. Wenn ich Crate-digge klicke ich Tracks mit dem “falschen” Kicksound instant weg, harmoniert der Drop nicht kraftvoll genug ist spätestens da Schluss. Dafür kann ein schönes Housepiano, warme (vor allem weibliche/soulige) Vocals oder sandige Percussions für mich einen Track auch “retten”.
Wie beeinflussen dich andere Kunstformen?
- Da ich aus der “analogen” Musik – jahrelang als Vokalistin in diversen Projekten unterwegs – komme, sind Arrangement und Harmonien für mich immer wieder Inspiration.
- Außerhalb der “musikalischen Gestaltung” entwickelt sich mein Zugang zur Musik aktuell durch meine Zusammenarbeit mit dem Tanztheater (Tanzwerkstatt des Bruchwerk Theaters). Zustände/Emotionen der Musik durch den Körper auszudrücken ist ja quasi Kern des Feierns, aber mit Leuten zu arbeiten, die sich mit Technik, choreographiert bewegen und auch fallen lassen (können) inspiriert mich. Wo da die wilde Reise noch hingeht, kann ich selbst noch nicht sagen, aber sie macht auf jeden Fall eine Menge Spaß.
Welche Rolle spielt Intuition?
- Wie ich für mich immer wieder feststelle: Eine große.
- Ich mache nie komplette Blindflüge wenn ich auflege, aber bin auch nicht komplett durchgetaktet. Für mich ist Roomreading so ein krasser Skill, der auf jeden Fall zum DJ Handwerk gehört und den ich Gig für Gig lerne und übe. Da muss man schon ein Stück weit fühlen, in welcher Verfassung/Stimmung die Leute gerade sind und versuchen, sie abzuholen. Dass im Spagat zu: sich selbst und seinem Sound und seinem Gefühl treu bleiben, sich nicht verunsichern lassen und auf sich zu hören (an für sich weiss man ja, welche Tracks wie passen bzw wirken), das ist für mich schon Masterclass.

Danke, Spinelli,
dass du deinen Mix und so viele Gedanken dahinter mit uns geteilt hast.
Was davon hängen bleibt, ist vielleicht vor allem die Idee, dass ein Set nicht nur daraus besteht, die „richtigen“ Tracks im richtigen Moment zu spielen. Es kann auch eine Form des Erzählens sein: Musik anderer Menschen auswählen, miteinander verbinden und dadurch etwas Eigenes ausdrücken.
Vielleicht habt ihr beim Hören einen neuen Track entdeckt, vielleicht einen Gedanken für eure eigenen Sets mitgenommen oder einfach gemerkt, welche Sounds euch selbst besonders bewegen.
Und genau darum soll es in dieser Reihe gehen: unterschiedliche musikalische Handschriften kennenzulernen, voneinander zu lernen und über Sound miteinander ins Gespräch zu kommen.
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