Sechs Sekunden, die Jungle verändert haben
Wie können sechs Sekunden Schlagzeug Jahrzehnte Musikgeschichte prägen?
1969 nahm die amerikanische Band The Winstons den Song Amen, Brother auf. Darin spielte Schlagzeuger Gregory Coleman einen kurzen Drum-Break, der später als Amen Break bekannt werden sollte. Nur wenige Sekunden, in denen das Schlagzeug allein zu hören ist. Heute gehört diese Aufnahme zu den meistgesampelten Breakbeats der Musikgeschichte.

In den folgenden Jahrzehnten tauchte der Amen Break in immer neuen Produktionen auf. Bereits im Hip-Hop der 1980er-Jahre wurde er häufig verwendet. Produzenten nahmen den Ausschnitt aus der ursprünglichen Aufnahme und bauten ihn in ihre eigenen Tracks ein. Möglich machte das die Sampling-Technologie, mit der sich vorhandene Klänge aufnehmen, bearbeiten und neu arrangieren ließen.

Als Anfang der 1990er-Jahre in London Jungle entstand, wurde der Amen Break zu einem seiner wichtigsten rhythmischen Bausteine. Produzenten begannen, den Drumloop immer stärker zu verändern. Sie beschleunigten ihn, schnitten einzelne Schlagzeugschläge heraus und setzten diese in neuer Reihenfolge zusammen.
Dabei spielte der ursprüngliche Groove eine wichtige Rolle. Das Zusammenspiel von Bassdrum und Snare verlieh dem Break seinen charakteristischen Rhythmus. Durch die Bearbeitung konnten Produzenten diesen Rhythmus aufbrechen, einzelne Schläge wiederholen oder an andere Stellen verschieben. So entstanden komplexe, schnelle Breakbeats, die sich mit einem eingespielten Schlagzeug kaum nachbilden ließen.
Wie unterschiedlich das klingen konnte, zeigen Produzenten wie Remarc, Dillinja und Goldie. Besonders Remarc entwickelte eine eigene Arbeitsweise im Umgang mit dem Amen Break. Er zerlegte den Loop in kleinste Fragmente und arrangierte diese zu neuen, energiegeladenen Rhythmen. In Tracks wie R.I.P. oder Thunderclap lässt sich hören, wie weit sich ein Breakbeat von seiner ursprünglichen Form entfernen kann.
EOS / SOUND EXPERIMENT
Erkennst du den Amen Break wieder?
Höre dir zuerst den Originalbreak aus Amen, Brother an. Vergleiche ihn anschließend mit R.I.P. von Remarc.
Hör genau hin: Welche rhythmischen Elemente erkennst du wieder, obwohl der Break stark verändert wurde?
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Auch die technischen Möglichkeiten der damaligen Sampler beeinflussten diese Arbeitsweise. Geräte wie der Akai S950 verfügten über wenig Speicherplatz, weshalb Produzenten mit kurzen Ausschnitten arbeiteten und ihre Samples gezielt bearbeiteten. Das Zerschneiden und Neuordnen vorhandener Aufnahmen wurde zu einem charakteristischen Bestandteil der Jungle-Produktion.

Der Amen Break ist deshalb in Jungle-Tracks manchmal sofort zu erkennen, manchmal versteckt er sich hinter stark veränderten Rhythmen. Obwohl die Produktionen unterschiedlich klingen, gehen viele ihrer Schlagzeugpatterns auf dieselbe Aufnahme von 1969 zurück.
Gregory Coleman selbst profitierte finanziell nie von der enormen Verbreitung seines Schlagzeugspiels. Seine wenigen Sekunden aus Amen, Brother sind bis heute in unzähligen Produktionen zu hören.
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